Außenstelle der Dualen Hochschule erforscht Zukunftstechnologie

DHBW-Campus: Forschungscluster Elektrochemie in Eppelheim wird in den nächsten zwei Jahren deutlich ausgebaut / CDU-Kandidat Andreas Sturm beim Vor-Ort-Termin
Wasserstoff ist eine ziemlich starke Sache

Eppelheim. Wenn die Busse, die die Städte Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen anschaffen werden, die Füße für die Schwerpunktregion Wasserstoff sind und das geplante Tankstellennetz der Bauch, dann könnte man den Campus der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Eppelheim vielleicht als das Hirn bezeichnen. Gestern hatten wir die Möglichkeit, mal in dieses Hirn hineinzuschauen, denn CDU-Landtagskandidat Andreas Sturm hatte dort einen Vor-Ort-Termin, zu dem diese Zeitung ihn begleitet hat.

DHBW-Rektor Professor Dr. Georg Nagler ist stolz auf sein „kleines feines Technikum“ in Eppelheim, das die Hochschule in der Handelsstraße 2012 bezogen hat. Damals platzte die Duale Hochschule aus den Nähten – auch wegen des doppelten Abiturjahrgangs durch die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien. Seither gibt es rund 6000 Studierende, die Praxis und Theorie beim Arbeitgeber und an der Hochschule verknüpfen. Corona macht auch hier Probleme, die Firmen sind zurückhaltend in Sachen Duale Hochschulausbildung, um 13 Prozent sind die Erstsemesterzahlen – vor allem in den Bereichen Handel und Medien, Kongresse, Eventmanagement zurückgegangen. Dabei haben laut Rektor Nagler die Absolventen eine besonders hohe Haltequote bei ihren Ausbildungsbetrieben. Noch zehn Jahre nach dem Abschluss seien zwei Drittel der jungen Leute bei dem Arbeitgeber, der sie übernommen hatte.

Dass in Eppelheim ein Schwerpunkt die Forschung in Sachen Brennstoffzellen ist, hat etwas mit Glück zu tun. Denn als der VW-Konzern vor sieben Jahren diese Forschung zurückgefahren hat, kam Professor Dr. Sven Schmitz von dort hierher und brachte gleich noch einen Brennstoffzellenprüfstand mit. Das stärkte das Forschungscluster Elektrochemie (ELCH) enorm. „Seit 15 Jahren ist die Wasserstofftechnologie eines meiner Steckenpferde. Durch die Konstellation lag es nah, hier ein Kompetenzzentrum aufzubauen“, sagt Volker Schulz, der geschäftsführende Dekan Technik an der DHBW.

Und es stehen große Investitionen bevor. Denn aus der Forschungsanlage soll eine funktionierende Produktionseinheit für grünen Wasserstoff werden, 3,5 Millionen Euro sollen dafür bis Ende 2023 investiert werden. Geld, das zum Teil aus den Förderzusagen von Bund und Land finanziert wird, die unsere Gegend ja zur Schwerpunktregion Wasserstoff gemacht haben. Eine ganze Reihe von Forschungsprojekten laufen derzeit mit deutschen und europäischen Partnern, aber auch mit Firmen aus der Region. Man stehe gerade vor einer weiteren Kooperation mit einem baden-württembergischen Automobilhersteller, lässt Sven Schmitz gucken ohne ihn schon zu nennen. Zudem ist das Kompetenzzentrum in der Weiterbildung aktiv, schult Wasserstoffspezialisten für Audi Neckarsulm und MAN in der Türkei.

Aber so weit müsse man gar nicht über den Tellerrand schauen, äußert Nagler eine Vision: „Mit uns könnte Eppelheim zur Wasserstoffstadt werden.“ Die Dächer des Campus werde der Vermieter mit Photovoltaikanlagen ausstatten, man installiere eine Wasserstofftankstelle, kaufe ein Brennstoffzellenauto und die Energie, die man nicht benötige, könne man ins hiesige Netz einspeisen und zusammen mit der Industrie und ihren neuen Entwicklungen und Initiativen in der Stadt hier einen deutschen Forschungsschwerpunkt etablieren. Ihm schwebe auch ein gesonderter Studiengang Wasserstofftechnologie vor, sagt Georg Nagler noch. CDU-Fraktionsvorsitzender Trudbert Orth, der beim Sturm-Besuch mit dabei war, versprach, sich auf Stadt- und Kreisebene dafür einzusetzen. CDU-Vorsitzender Volker Wiegand spielt sogar selbst mit dem Gedanken, sich ein wasserstoffbetriebenes Auto anzuschaffen, sagt er auf dem Campus.

Derzeit läuft fast alles virtuell ab

Dort, wo sonst reger Versuchs- und Lehrbetrieb herrscht, bot sich nun ein eher trauriges Bild. Leben war nur im Wasserstoff-Labor. Dort warteten schon die Mitarbeiter, um das Herzstück der Forschung zu zeigen – die Versuchsanlage, die bald schon durch neue und leistungsstärkere Apparaturen ersetzt werden soll, die dann eine Produktion auf industriellem Standard erlaubt. Spannend ist schon das unscheinbare Aussehen einer Brennstoffzelle: eine schwarze 40 mal 20 Zentimeter große und nur 20 Mikrometer dicke bedruckte Folie aus Polymermembran. Im Mittelpunkt der Forschungen stehen derzeit Fragen, wie die Membran auf elektrochemische Vorgänge bei der Verdichtung reagiert statt auf mechanische oder wie extreme Hitze und Kälte deren Eigenschaften beeinflussen.

Deutschlandweit gebe es vielleicht 15 Brennstoffzellenprüfstände, für Verbrennungsmotoren aber mindestens 1000. Dabei genügen nach Meinung von Dr. Sven Schmitz auch 150 noch nicht, um die Technologie flächendeckend durchzusetzen und zu testen. China habe sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Million Wasserstofffahrzeuge auf die Straße zu bringen, beim E-Motor habe man die Zahl bereits zwei Jahre vor der Frist erreicht, so Schmitz, der dringend zur Eile mahnt, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Wilhelm Wiebe zeigte dann, wie ein 50 Kilowatt-Brennstoffzellenstapel – Stack genannt – unter Einsatzbedingungen getestet wird. Er muss 500 Stunden Volllast aushalten.

Linda Schorer erläuterte, wie der Verdichter funktioniert, der den Wasserstoff auf 1000 bar verdichten kann, um ihn in die Tanks von Fahrzeugen zu pressen, und wie man Wasserstoff gleichzeitig auch reinigen kann. Damit wäre dann das Problem der begrenzten Verfügbarkeit von Wasserstoff rasch beseitigt, denn in verschiedenen Industrieanwendungen wird Wasserstoff ja dafür genutzt, Stoffe rein zu halten, beispielsweise bei der Siliziumgewinnung. Aber statt den dann mit Sauerstoff angereicherten Wasserstoff wieder zu reinigen und weiterzuverwenden, wird er bisher an die Umwelt abgegeben. Dabei ist ja seine Herstellung durch den hohen Energieaufwand eine teure Sache.

Anlage für zu Hause

Wie praktisch hier gearbeitet wird – fast alle Versuchsreihen sind aus den Partnerfirmen konkret beauftragt – zeigte Linda Schorer dann noch im Gespräch mit Andreas Sturm auf. Sie arbeitet gerade an ihrer Promotion und will da eine Anlage entwickeln, die es dem privaten Nutzer, einer Hausgemeinschaft oder einer Firma erlaubt, aus der eigenen Sonnenenergie grünen Wasserstoff zu erzeugen, um damit Autos zu betreiben und den Energiebedarf vor Ort zu decken – mit der Möglichkeit, die eigene Energie auch vor Ort zur Eigennutzung zu speichern und eben nicht in öffentliche Netze einzuspeisen. Quasi als Insellösung und als guter Schritt in eine autarke Energieversorgung mit großer Unabhängigkeit von Lieferwegen. Wobei Sven Schmitz vorher klargemacht hatte, dass bei einer großen Ausbreitung der Technologie sich gerade für Länder Chancen auftun, die über große Flächen und viel Sonne verfügen, um dort umweltfreundlich Wasserstoff erzeugen zu können.

Das zeigt deutlich, dass das Eppelheimer Hirn der Wasserstoffregion Rhein-Neckar auf Hochtouren arbeitet und unsere Zukunft in Sachen Mobilität mit bauen will. Die CDU-Vertreter zeigten sich beeindruckt und versprachen wiederzukommen – spätestens nach Pandemieende in größerer Runde.
Schwetzinger Zeitung, 13.01.2020, Jürgen Gruler

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